02.10.2022
Peter Thomsen (foto: Uta Helkenberg/FN)

Der deutsche Cheftrainer im Interview: „Marbach ist wichtige WM-Sichtung“

Seit 1. Januar ist Peter Thomsen Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter. Im Interview spricht der zweimalige Mannschafts-Olympiasieger über seine Erfahrungen mit der Internationalen Marbacher Vielseitigkeit, ihre Besonderheiten und ihren Stellenwert im internationalen Turnierkalender.

Herr Thomsen, Sie kennen die Internationale Marbacher Vielseitigkeit ja bestens als Reiter. Was sind Ihrer Meinung nach die Besonderheiten dieses Turniers?

Ja, ich kenne Marbach wirklich gut. Ich war dort regelmäßig am Start seit eine Prüfung der schweren Klasse ausgeschrieben wird, zuletzt 2019 mit drei Pferden im CCI4*, im vergangenen Jahr war ich dann schon als Mitglied des deutschen Trainerteams vor Ort.

Es ist immer schön, wenn man Vielseitigkeit in schöner Landschaft und schönem Ambiente reiten kann. Aber nicht nur das macht Marbach aus. Hinzu kommt, dass die Kurse hervorragend angelegt und die Hindernisse toll gebaut sind. Die Qualität des Aufbaus in Marbach ist einfach nicht zu toppen. Auch der Boden ist sehr gut, das Verletzungsrisiko somit gering. Im Marbacher Gelände kann man Pferde und Reiter auf die Saison vorbereiten und die Pferde erhalten den Konditionsschub, den man sich wünscht. 

Welchen Ihrer Kaderreiter empfehlen Sie den Start in Marbach?

Das Turnier in Marbach ist für uns eine wichtige Sichtung zu Saisonbeginn im Hinblick auf die Weltmeisterschaften Mitte September im italienischen Pratoni del Vivaro. Ich habe mittlerweile nahezu alle Kaderreiter zu Hause besucht, die Heimtrainer und die Nachwuchspferde kennengelernt. Natürlich war bei diesen Treffen auch der jeweilige Saisonplan ein Thema. Einige unserer Reiter werden eine Woche vor dem Marbacher Turnier in Kentucky in den USA am Start sein, einige satteln bei den Badminton Horse Trials, die zeitgleich mit Marbach stattfinden, wieder andere in Saumur in Frankreich, aber alle haben auch Marbach auf dem Schirm.

Es gibt kein Argument gegen einen Start in Marbach. Nehmen Sie mich als Beispiel: Für mich beträgt die Entfernung nach Marbach rund 900 Kilometer, ich habe mich trotzdem Jahr für Jahr auf den Weg gemacht. Das zeigt meine Wertschätzung für dieses Turnier und ist wohl das größte Kompliment, das ich der Veranstaltung machen konnte.

Was versprechen Sie sich an Erkenntnissen von Marbach hinsichtlich der Kaderreiter?

Das kupierte Gelände erfordert viel Kraft und Kondition. Auf Marbach muss man die Pferde entsprechend sehr gut vorbereiten. Deshalb dient dieses Turnier für mich der Formüberprüfung auch der Paare, die wir entwickeln wollen. Und nicht nur, dass das Gelände Kondition erfordert, auch die Parcours sind anspruchsvoll. Da sieht man, wer seine Hausaufgaben gemacht hat und auf dem richtigen Weg ist.

Was ist Ihrer Meinung nach der Stellenwert der Marbacher Vielseitigkeit im internationalen Turnierkalender?

Wie gesagt, die Kurse sind fair, das Geläuf ist gut präpariert, die Hindernisse sind sicher gebaut. Ich bin überzeugt, dass das ohnehin schon große internationale Interesse sogar noch wachsen wird. Dass bereits im vergangenen Jahr zwölf nationale Föderationen die Internationale Marbacher Vielseitigkeit als Sichtungsturnier für die Olympischen Spiele nutzten, spricht für sich.

Setzen Sie auch zukünftig auf Marbach als Motivationsprüfung und Konditionsschub für Ihre Kaderreiter zu Beginn der Saison?

Selbstverständlich. Ich setze auf Marbach – für meine Amtszeit und die meiner Nachfolger. Diese Prüfung ist für unseren Saisonaufbau unverzichtbar. Man kann in Marbach ebenso einem Olympiapferd einen Konditionsschub geben als auch einen Nachwuchsreiter seine erste Vier-Sterne-Prüfung reiten lassen. 

Nicht zu vergessen – die Reiter begegnen in Marbach einem Team, das für diesen Sport brennt. Ich habe im vergangenen Jahr die Entscheidung miterlebt, das Turnier um einen Tag zu verlängern, um optimale Verhältnisse bieten zu können. Und uns allen ist bewusst, was das organisatorisch auch für jedes einzelne Teammitglied und finanziell für den Veranstalter bedeutet hat. Das war eine nicht selbstverständliche Entscheidung „Pro Sport“, die jedes Teammitglied mitgetragen hat. Besser und engagierter kann man sich das nicht wünschen. 

Interview: Michaela Weber-Herrmann

ZUR PERSON:

Peter Thomsen ist seit 1. Januar dieses Jahres Nachfolger von Hans Melzer als Cheftrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter. Der 60-Jährige, der mit seiner Familie auf dem elterlichen Hof in Kleinwiehe im schleswig-holsteinischen Kreis Flensburg lebt, war schon 1993 erstmals bei Europameisterschaften am Start und gehörte jahrzehntelang zu Deutschlands Top-Vielseitigkeitsreitern. Er nahm mit verschiedenen Pferden 14mal an Championaten teil. Zwei Gold-Medaillen von olympischen Team-Wettbewerben (2008 in Hongkong und 2012 in London), Mannschafts-Bronze bei den Weltreiterspielen in Den Haag 1994 und Team-Silber bei den Europameisterschaften 1999 in Luhmühlen gehören zu seinen größten Erfolgen. Seit 1993 ritt Thomsen zu zehn Top Ten-Platzierungen bei Deutschen Meisterschaften, drei Mal galoppierte er zu DM-Bronze. Die Internationale Marbacher Vielseitigkeit kennt er bestens – „rund 20 Jahre lang“, so seine Erinnerung, war er während seiner aktiven Karriere als Reiter zu Saisonbeginn auf dem Gelände des baden-württembergischen Staatsgestüts am Start.

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